Zerfallene Häuser in Palermo

Und es wird Nacht in Palermo

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Salve raggazi,

ich finde es immer wieder faszinierend, dass eine nicht mal dreistündige Flugreise in der Lage ist, dich in eine völlig andere Welt zu bringen. Am Wochenende war ich in Palermo, Siziliens Hauptstadt. Um es irgendwie in ein Wort zu fassen: Abenteuerlich.

Palermo also. Mafia, überragend leckeres Eis, das Nordafrika von Europa, Vespas, schraurig-schöne Adelspalastruinen an jeder Ecke, Berge und Meer, Araber und Normannen, bunte Märkte, Pizza, Pasta – egal, was man auch immer von der Stadt halten mag: Neutralität ist unmöglich. Basta.

Ich denke, ich bin vergleichsweise unwissend und somit auch unvoreingenommen nach Sizilien geflogen. Ein sagenhaft günstiger Ryanair-Flug hatte mich nach Trapani gebracht, wo ich mit dem Bus etwa zwei Stunden nach Palermo durch eine sommertrockene, bergige Landschaft gefahren bin – direkt an der Küste des hellblauen Mittelmeers entlang.

Abendstimmung in Palermos Straßen

Palermo erinnert mich als südeuropäische Stadt natürlich an Lissabon. Aber fast genauso sehr an Beirut, was vermutlich nicht erstaunlich ist, immerhin war die Stadt lange Zeit unter arabischer Herrschaft. Das sieht man den Gebäuden an, die in den Altstadtvierteln häufig über ein halbes Jahrtausend alt sind. Hinzu kommt eine andere Art der Wärme (oder vielmehr Hitze): Palermo ist eher feuchtwarm und der Wind scheint direkt aus der Wüste zu kommen, bringt entsprechend kaum Abkühlung. Und man spürt den arabischen Einfluss auch, wenn man über die unvorstellbar bunten und doch zugleich zwielichtig dunklen Märkte geht, auf denen alles Erdenkliche angeboten wird: Selbstverständlich Obst und Gemüse in allen Farben, dazu Fisch, Fleisch, Gebäck, Gewürze, Kram. Um dich herum schreien die Händler ihre Werbesprüche, die Straßen sind rutschig durch ausgelaufenes Kühlwasser und was immer sonst… Unmöglich zu sagen, wohin man zuerst sehen soll, was am ehesten hören, wo die zahllosen Gerüche zuordnen… Ich würde sagen, für den Standard-Mitteleuropäer sind Palermos Märkte eine ziemliche Reizüberflutung – aber gerade deswegen eben auch so reizvoll.

Gemüsestand auf dem Markt von Palermo

In den Märkten deutet sich nur eine Facette von Palermos faszinierender Vergangenheit an. Natürlich ist die Mafia zu nennen als wohl erste Assoziation. Doch muss ich sagen, sowohl die Regierung als auch die Bürger selbst haben einiges getan, ihre Stadt zu befreien. Dennoch: Rein vom Gefühl her zählt Palermo NICHT unbedingt zu den sichersten Städten dieser Welt… übrigens auch nicht zu den saubersten.

Zerfallene Häuser in Palermo

Aber im Grunde stört das nicht. Es macht Palermo spannend und authentisch. Darüber hinaus hat es trotzdem alles, was eine italienische Stadt eben irgendwie italienisch macht: Verkehrslärm zu jeder Tages- und Nachtzeit, einen Strand in nächster Nähe, Sonne, Fragmente vergangener Kulturen, unglaublich gutes Essen. Besonders beeindruckt haben mich die Cornettos (Croissants mit Cremefüllung), Brioches (süßes Brötchen mit etwa drei Kugeln Eis und Schokoladenüberzug), Panini mit Kroketten, Arancini (panierte Reiskugeln mit verschiedenen Füllungen) und dann natürlich Pasta in allen nur möglichen Variationen (wobei alles mit Aubergine bzw. Melanzane besonders genial war).

Typisch Palermo ist die „kreative Umformung“ von Regeln: Es herrscht eigentlich Anschnallpflicht, aber Palermitaner haben darauf keine Lust und ziehen den Gurt stattdessen lieber umständlich hinter dem Sitz entlang, um ihn einzurasten – denn sonst würde sie das warnende Piepen ja die ganze Fahrt über nerven! Helme werden getragen, die Verschlüsse bleiben dabei jedoch offen – das mag sinnlos klingen, ist aber durchdacht: So können unter den Helmen Handys einklemmt werden und man hat während des rasanten Fahrens trotz Telefonierens beide Hände frei. Allerdings würde ich insgesamt sagen, dass man in der Rush Hour zu Fuß in der Innenstadt eindeutig am schnellsten ist. Aus mir unerklärlichen Gründen haben wir für den Eintritt in den Pallazio Reale keinen Cent gezahlt, obwohl der Studentenpreis theoretisch bei etwa 7,50 € gelegen hätte… Und obwohl Palermo hochkatholisch ist, fand an dem Wochenende die Gay Pride Parade statt, an der etwa 140 000 Menschen teilnahmen! Unter anderem auch wir. Es ist ziemlich cool, so ein Stadtrundgang mit Musik und Tausenden Menschen um dich herum.

Straßenumzug bei der Palermo Pride

Minuten vom Stadtzentrum entfernt befindet sich der Badeort Mondello. Der Strand ist – speziell am Sonntag – natürlich übervölkert, übrigens vorrangig mit Sizilianern, nicht mit Touristen. Wir sind allerdings nur kurz am Wasser gewesen: Sonst sind wir einen Berg hochgeklettert (ich meine wirklich geklettert, meine Knie wurden von den spitzen Felsen und Disteln extrem zerkratzt). Aber es hat sich mehr als gelohnt und auch während der Tour wieder Zeichen von „tipico Palermo“: An einem Hang stand eine Wohnsiedlung majestätisch (bzw. protzig) wirkender Villen, doch bei näherem Hinsehen wurde deutlich: Der größte Teil der Häuser war nicht fertiggestellt. Eine Geisterstadt. Unklar, ob es keine Baugenehmigung gegeben hatte oder ob den Bauherren durch die Krise schlicht das Geld ausgegangen war…

Geisterstadt: Leerstehende Häuser der Riserva di Capo Gallo bei Palermo

Am Ende unserer Klettertour erreichten wir einen ehemaligen Leuchtturm, den ein bereits etwas älterer Aussteiger bewohnte. Ihn schien es überhaupt nicht zu stören, dass wir gerade über die Felswand in seinem Garten eingefallen waren. Definitiv hätte er keinen schöneren Ausblick für seine Unterkunft auswählen können!

Leuchtturm auf dem Capo Gallo bei Mondello

Mittelmeer bei Mondello

Um es nochmal ganz klar zu sagen: Ich mag Palermo! Es ist laut, heruntergekommen, stickig, katzenreich, nicht ganz ungefährlich (selbst zu Hause nicht, denn die Decken der uralten Häuser stürzen auch mal ein). Es ist eine außergewöhnliche, mitreißende Stadt, die weit mehr zu bieten hat als das, was ich an nur einem Wochenende überhaupt ansätzlich mitbekommen konnte. Wenn ihr keinen Urlaub, sondern ein Erlebnis sucht: Fliegt hin! Aber bitte nicht in Scharen. Würde der Stadt nicht guttun…

Sizilianisches Eis im Brötchen und ich

P.S.: An dieser Stelle noch: Grazie an den Palermo Tourist Service. Ciao, bella ciao!

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