Campus Tower der University of Texas

On Campus

Wenn mich jemand zwischen 9:00 und 21:00 Uhr fragt: „Wo bist du gerade?“ ist die wahrscheinlichste Antwort, unabhängig von Wochentag: „On campus“ oder vielleicht auch „On campus. Studying.“

Campus Tower der University of Texas

Ja, ich gebe zu, ich bin kein Zuhause-Lerner und ich liebe den Campus der University of Texas ganz einfach. Warum auch nicht? Wir haben immerhin ein Football-Stadion und einen Schildkrötenteich! Und darüber hinaus schöne Gebäude und so viel Grün, dass sich der Campus eher wie ein Park anfühlt.

Football Stadion der University of Texas

Allerdings verbringe ich wenig Zeit damit, diese Annehmlichkeiten zu genießen. Die meiste Zeit sitze ich in einem krass klimatisierten Raum und meine Augen fliegen entweder über Buchseiten oder den Bildschirm meines Laptops. Manchmal sitze ich auch draußen (wenn es die Hitze zulässt) und habe neben mir einen Kaffeebecher stehen, der zwar inhaltlich nicht mit portugiesischen café mithalten kann, dafür mich aber mit fantasievollen Variationen meines Namens erheitert.

Mein falschgeschriebener Name auf einem Starbucks-Becher

Hin und wieder trinke ich den Kaffee auch während eines spannenden Gesprächs mit Kommilitonen – oder gar mit meinem Professor – aber das sind die ganz seltenen, goldenen Momente. Meist verhalte ich mich absichtlich eher unsozial, damit mich lieber keiner anspricht. Wie sollte ich sonst mein wöchentliches Arbeitspensum einigermaßen schaffen?

Mein Stundenplan für die University of TexasAuf den ersten Blick habe ich einen ziemlich entspannten Stundenplan. Montag und Freitag frei, insgesamt nur 12 Seminarstunden die Woche – doch kein Grund, zu klagen! Tja, was leider so nicht aus dem Stundenplan abzulesen ist: JEDE Woche muss ich

a) ein Handbuchkapitel, drei Textbuchkapitel, vier Journalartikel und im Durchschnitt etwa fünf Zeitungsartikel lesen,

b) zu dem Gelesenen insgesamt 6-8 Diskussionsfragen finden, die keine Verständnisfragen sind, sondern eher die Theorie und dahinterstehende Annahmen kritisch beleuchten,

c) zweimal pro Woche verschiedene Onlinezeitungen vergleichen und für die Erdteile Amerikas, Europa/Russland, Mittlerer Osten/Afrika sowie Asien/Pazifik jeweils drei wichtige Nachrichten auswählen und kurz ihre Relevanz und Kontext erläutern.

Dazu gibt es noch Zusatzaufgaben, die über das Semester verstreut sind, von denen aber mindestens eine etwa jede Woche anfällt: Zwei Präsentationen halten, zwei Seminarleitungen übernehmen, mindestens drei Blogeinträge und drei Pressemitteilungen über Lateinamerika schreiben sowie mehrere kurze Essays und eine Buchrezension verfassen. Zum Semesterabschluss, allerdings mit Abgabefrist innerhalb des Semesters, darf ich noch vier Hausarbeiten normaler Länge (je 15-20 Seiten) abgeben.

Unter diesem Umständen verwundert es vielleicht kaum, dass ich mich nicht wirklich traue, meine Kommilitonen zu fragen, ob sie am Wochenende vielleicht mal was unternehmen wollen. Schließlich weiß ich selbst gar nicht, ob ich die Zeit erübrigen kann – und sie haben ja denselben Aufwand plus meist noch einen oder zwei Nebenjobs! Allerdings muss ich sagen, dass meine Kommilitonen echt cool sind, so dass ich sie gerne auch außerhalb der Uni treffen würde. Meine Kurse sind alle sehr klein, im größten sitzen 18, im kleinsten 8 Leute – bei 50.000 Studierenden bemerkenswert. In meinen Kommunikationskursen sind außerdem auch Doktoranden, was am Anfang zieeemlich verstörend ist und das nicht nur, weil sie bedeutend älter sind: vor allem kennen sie sich mit den ganzen kommunikationswissenschaftlichen Theorien viel besser aus als ich – schlimmer noch, sie haben auch eine fundierte Meinung zum empirischen Nutzen dieser Theorien, was dann mit den Professoren angeregt diskutiert wird… nun ja… Zum Glück teilten am Anfang die anderen Masterleute meine mittelschweren Komplexe. Inzwischen haben wir uns alle zusammengefunden und ich sehe die Seminare mit den PhDlern nun in erster Linie als große Chance, denn es ist wirklich motivierend, mit Kommilitonen zu lernen, die eigentlich schon Jahre an Wissen voraushaben.

Auch interessant ist das Verhältnis zwischen Studierenden und Lehrenden. Ähnlich wie in Neuseeland ist es zwar respektvoll, aber gerade im Graduate-Bereich viel kollegialer als in Deutschland. Man spricht sich mit Vornamen an und es ist durchaus normal, dass ich in einer Pause von meinen Dozenten gefragt werde, wann ich denn das nächste Mal meine Familie sehe und ob ich jetzt durch Texas einen Kulturschock hatte. In den Journalistenkursen haben wir grundsätzlich neben dem Professor noch einen Assistenten, normalerweise eine PhDler, der unsere Artikel korrigiert und für die Technik zuständig ist. Insgesamt ist also trotz der Größe der Uni eine unglaublich gute und persönliche Betreuung garantiert. Die Gebäude sind natürlich auch alle neu und super ausgestattet.

CMA

Aber so sollte das ja auch sein, immerhin sind Studierende gut zahlende Kunden. Die Unis in den USA haben ein seltsames System, du zahlst keinen Fixbetrag pro Semester, sondern bezahlst die Menge an Stunden, die du belegst – in meinem Fall wären das 12, was vier Kursen entspricht. Wäre ich nicht aus unerklärlich glücklichen Umständen gar nichts bezahlende Austauschstudentin, würde ich für meine Kurse als Texanerin knapp $5,500 ausgeben. Von Preisen für Nicht-Texaner will ich gar nicht schreiben, aber die könnt ihr hier einsehen. Und dabei bleibt es nicht, denn auch für Bücher muss gezahlt werden! Und ich habe gehört, dass man schon pro Jahr mit zusätzlichen $1,000 rechnen muss. Ich bin mit knapp $200 für meine Kurse ausgesprochen günstig weggekommen.

Meine Semesterlektüre in Austin

Auch wenn ein Studium an der UT ohne Zweifel einiges an Geld wert ist: Wie kann es sein, dass die Studierenden sich darauf einlassen, so krass viel zu zahlen? Hm, offenbar liegt es vorrangig daran, dass du ohne Bachelorabschluss quasi keine Chance auf einen ausreichend bezahlten Job hast. In einem Betrieb eine Ausbildung zu machen ist nicht üblich; es gibt also keine richtige Alternative zum Studieren. Und entsprechend hoch steigt der Preis für Bildung, obwohl die UT von „texanischen Ölreserven und den Longhorns“ profitiert, wie eine Kommilitonin meinte. Die Longhorns sind übrigens das Football-Team der Uni bzw. auch das Team von Austin. Leider habe ich bisher kein Spiel live sehen können, aber schon die Fanschwärme in „burnt orange and white“ beim Lesen vorbeiziehen zu sehen ist beeindruckend!

Die Footballfans strömen über den Campus zum Stadion

Im November ist das nächste Spiel, da bin ich dann auf jeden Fall im Campus-Stadion dabei. Ich werde berichten…

Bis dahin: Cheers – und falls ihr welche habt, genießt eure Semesterferien für mich mit!!

Ich vor dem rot beleuchteten Campus Tower Austin

P.S.: „Then I see you, you’re walking across the campus…“

0 Comments

    1. Das Gebäude im Hintergrund (also vermutlich hinter mir?) ist der Main Tower, da ist das Büro des Präsidenten drin, eine der Bibliotheken, die Zahlstelle und sowas wie ein Immatrikulationsamt. Und es gibt an der Turmspitze auch ein Glockenspiel, auf dem Studierende jeden Mittag selbstkomponierte Stücke spielen.
      Heute haben wir so 32°C, es fühlt sich aber wärmer an… 😉

  1. Liebe Maria, das hört sich nach viel Arbeit, aber trotzdem aufregenden an. Vermisse dennoch unsere gemeinsame Zeit in Lisboa… nächstes Jahr wird´s mal wieder Zeit für ein Revival… Muitos beijos da tua Nique

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