An Bord der Transsibirischen Eisenbahn

Eigentlich wollte ich noch gar kein Fazit ziehen, sondern erstmal schön chronologisch über unsere einzelnen Ziele schreiben. Aber so ganz ohne Zusammenfassung geht es irgendwie nicht. Also: Ja, wir haben überlebt. Mehr als 11.000 Kilometer waren wir im Zug und im Bus zwischen unseren Stopps unterwegs. Wir haben sogar tatsächlich alle Orte erreicht, die wir sehen wollten. Wir sind nicht mittendrin steckengeblieben – auch wenn es in Ulan Bator kurzzeitig so aussah. Aber dazu mehr in einem anderen Beitrag.

Wie war es?

Überwältigend, in jeder Hinsicht – und anstrengend. Dabei klingt es eigentlich ganz entspannt, so im Zug schlafen und dann je nach Lust und Laune mal auszusteigen.

Unsere Nachbarbetten

Mag sein, dass es so laufen kann, wenn man zeitlich extrem flexibel ist. Wenn man nur etwa drei Wochen hat und so zwanghaft wie ich ALLES sehen will: Dann müsst ihr eure kostbare Zeit bis auf die Stunde genau verplanen. Und jede Verspätung, jedes unvorhergesehene (aber notwendige) Ausschlafen und jeder schon voll belegte Zug werfen diesen Plan durcheinander. Auf unserer Reise hatte ich sieben verschiedene Währungen in den Händen. Selbstverständlich mit sieben verschiedenen Umrechnungskursen. Das ist anstrengend.

Zugfahren kann übrigens auch ziemlich fertig machen. Auf unserer längsten Strecke sind wir ohne Zwischenstopp von Moskau nach Irkutsk gefahren. Wir waren fast vier Tage in einer Bahn „eingesperrt“ (so fühlt es sich ab Tag 2 ungefähr an). Da wir uns das günstigste Ticket gegönnt hatten, haben wir den Waggon mit 52 weiteren Personen geteilt. Einzelne, mit Türen abgetrennte Abteile gab es nicht. Unsere Betten waren direkt am Gang. Jeder kann jeden ständig beobachten; beim Lesen, Essen, Schlafen.  

First World Problems in der Zweiten Welt

Sehr viel mehr haben wir die vier Tage auch nicht gemacht. Okay, Lucas hat außerdem noch am Computer gezockt. Wir hatten das unfassbare Glück, dass unsere Betten genau neben einer der sehr spärlich gesäten Steckdosen im Waggon waren. Dementsprechend oft kam einer unserer 52 Mitfahrer vorbei, um uns manchmal zu bitten, aber öfter zu befehlen, die Steckdose doch mal freizugeben. In den seltensten Fällen haben wir dann gerade selbst unsere Sachen aufgeladen. Die meiste Zeit gehörten die Geräte irgendwem anders im Wagen.

Typische russische Landschaft

Wir waren außerdem die einzigen Ausländer in unserem Waggon. Relativ schnell war auch klar, dass abgesehen von einem russischen Mädchen niemand sonst Englisch sprechen konnte. Irgendwann habe ich dann nur noch auf Deutsch erklärt, dass das gerade eingestöpselte Smartphone nicht mir gehöre, sondern jemand anderem, wobei ich leider nicht wisse, wem – und dass sich bereits zwei weitere Personen um die Steckdose beworben hätten, er/sie sich demnach hinten anstellen müsse. Ich bin überzeugt, wenn man in seiner Muttersprache spricht, gestikuliert man am natürlichsten. Und auf die Gesten kam es ja letztlich an. Es scheint geklappt zu haben, jedenfalls haben die Leute alle irgendwann genickt und sind wieder gegangen. Vielleicht war es auch Resignation.

Internet hatten wir an Bord nicht, was extrem entschleunigt hat. (Zitat Lucas, vor der Abfahrt: „Du glaubst also nicht, dass sie WLAN im Zug haben?“ – Süß.) Im Nachhinein kommen mir die dreieinhalb Tage eher wie einer vor, weil wir einfach nichts erlebt haben. Es ist auch nicht so, als wäre die Landschaft zwischen Moskau und Irkutsk besonders spannend. Eigentlich sieht man nur Birkenwälder und manchmal sehr ärmliche Dörfer mit Holzhäusern.

Irgendwo im Nirgendwo

Wenn die GPS-Ortung nach 20 Stunden Fahrt zeigt, dass der Zug im Verhältnis zur noch vor einem liegenden Strecke immer noch in Moskau ist, kommt zum ersten Mal ein komisches Verlorenheitsgefühl auf. Im Laufe der Fahrt verstärkt es sich. Es ist schwer zu beschreiben, wie Desorientierung kombiniert mit dem ziemlich unsinnigen, aber in dem Moment sehr realen und beängstigenden Gedanken: „Wir kommen nie an.“

Unterstützt wird die Verwirrung noch durch die unterschiedlichen Zeitzonen, die man durchfährt. In welcher man sich befindet, weiß man immer nur so semi-genau, da die Uhren im Zug und an sämtlichen Bahnhöfen Moskauer Zeit anzeigen. Auch in den Fahrplänen stehen alle Angaben in Moskauer Zeit. Spätestens, wenn es um angeblich 3 Uhr morgens schon taghell ist, ist klar, dass die Uhren ihren Sinn verloren haben. Aber ab dem Punkt waren wir eh überwiegend im Dämmerzustand.

Was hätten wir besser machen können?

Kiosk am Bahnsteig

Unser größter Anfängerfehler war, dass wir zu wenig Essen dabei hatten. In jedem Wagen der Transsibirischen Eisenbahn gibt es einen Samowar mit heißem Wasser. Das heißt, wir haben vier Tage lang von der russischen Version der Fünf-Minuten-Terrine, Tassensuppen, Porridge, Tee und einem schrecklichen schwarzem „Kaffee“ gelebt. Zweimal haben wir uns mit Kohl bzw. Kartoffelbrei gefülltes Stockbrot gegönnt, das vom Speisewagen aus im Zug verkauft wurde. Es hat geschmeckt wie der Himmel auf Erden. Warnung an Vegetarier: Kauft euch Essen in Deutschland ein, wenn ihr nicht nur von Tütensuppen leben möchtet. Es gibt in Russland keine vegetarischen Fünf-Minuten-Terrinen.

Natürlich gibt es in der Bahn einen Speisewagen und in den größeren Städten Kioske auf dem Bahnsteig. Die Transsibirische Eisenbahn hält in den größeren Städten zwischen 30 und 45 Minuten.  Aber dafür war vor allem Lucas zu geizig. Unbegründet eigentlich, denn wirklich teuer war es nicht. Alles in allem war unser Speiseplan also ausgesprochen abwechslungslos. Unsere Lieblingsbeschäftigung wurde es, uns gegenseitig zu erzählen, was wir in Irkutsk – im „gelobten Land“ – alles essen würden. Meine Top 3: Richtig guter Kaffee, ei Apfel, Schokolade. Lucas‘ Top 3: Fleisch, McDonalds, Caramel Macchiato. Kleiner Spoiler hier, wir haben uns alle unsere Träume erfüllt, außer McDonalds, das wurde durch KFC ersetzt, da es im gelobten Land/Irkutsk kein McDonalds gibt.

Morgens will man gar nicht aufstehen, weil man dann dieses ekelhafte Frühstück essen muss. Andererseits kann man nicht liegenbleiben, weil das Bett so scheißunbequem ist. (Lucas, 193 cm)

Die Liegen in der Transsibirischen Eisenbahn sind für große Menschen ungeeignet. Ich denke, bis zu einer Größe von 175 Zentimetern ist es erträglich, alles darüber wird schwierig. Deswegen haben wir uns auch beide so sehr auf richtige Betten gefreut. Und eine Dusche! Die gibt es im Zug natürlich auch nicht. Aber das ist erträglich. Immerhin teilen ja alle Mitfahrer das gleiche Schicksal. Wobei das auch das Schlechte daran sein könnte.

Fazit von Lucas:

Wenn man sich mal wieder so richtig dankbar fühlen will für die kleinen Dinge im Leben wie gutes Essen, eine Dusche oder ein Bett, dann empfehle ich eine Reise mit der Transsib. Am besten nimmt man gleich seine Kinder mit, damit die das auch direkt diese Dankbarkeit lernen.

Fazit von mir:

Es gibt tausend entspannendere Möglichkeiten, Urlaub zu machen. Bestimmt gibt es sogar entspanntere Wege, mit der Transsib zu fahren. Ein wenig mehr Geld ausgeben – für Essen, vielleicht auch für etwas mehr Privatsphäre und ein Vierer-Abteil – könnte nicht schaden. Aber dann wäre es eine völlig andere, möglicherweise weniger außergewöhnliche Reiseerfahrung geworden.

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