Wir vor den Storchennestern im Alentejo bei Sonnenuntergang

A Hitchhiker’s Guide to the South of Portugal

Blick aufs Meer durch ein Loch im Felsen bei Lagos an der Algarve

Olá, nach den guten Erfahrungen, die ich mit Trampen im Norden von Neuseeland gesammelt habe, konnte ich nicht widerstehen, das Ganze auch mal im Süden von Portugal auszuprobieren. Zusammen mit zwei Bulgaren – Kossara und Nikolai – sowie einem Zelt und drei Rucksäcken bereiste ich fünf Tage lang die Regionen Algarve und Alentejo. Natürlich hat es sich mehr als gelohnt. Wenn ihr oben rechts unter Reisebilder auf „Algarve“ klickt, gibt es zur Einstimmung ein paar ausgewählte Fotos. Bevor wir all das aber live sehen konnten, mussten wir ein paar Startprobleme überwinden. Wir standen zum Beispiel vor diesem verschlossenen Tor:

Zugang zum Parkplatz im Süden von Lissabon, dem Start unseres Tramping-Abenteuers zur Algarve

Es ist nicht unbedingt leicht, aus einer Großstadt herauszutrampen. Aber zum Glück gibt es das Internet und ein ganz spezielles Wiki: http://hitchwiki.org/en/Lisbon. Wir haben uns im Grunde genau an Option 2 unter South or East gehalten. Nachdem wir an der Pforte geklingelt hatten, die ihr auf dem Foto seht, hat man uns auf den Parkplatz der Tankstelle gelassen. Trotzdem war es nicht unbedingt einfach, an der Tankstelle jemanden zu finden, der uns mitnehmen wollte. Erstens waren wir zu dritt mit massenhaft Gepäck, zweitens sieht Nikolai ehrlich gesagt nicht wirklich vertrauenserweckend aus und drittens fahren die Leute irgendwie sehr selten mit einem fast leeren Auto an die Traumstrände der Algarve. Wer hätte das gedacht.

Aber irgendwie kämpften wir uns bis zur nächsten Tankstelle vor. Und dort hatten wir unwahrscheinlichstes Glück: Ein Portugiese, der den Service auf Kreuzfahrtschiffen überprüfte (was für ein Job!) war gerade auf dem Weg von Lissabon an die Algarve zu seiner Familie. Wir durften einsteigen. Er schien uns nett zu finden; jedenfalls gab er uns unterwegs allen eine Cola aus und fuhr einen Umweg, um uns direkt an der Strandpromenade des Touristenstädtchens Lagos absetzen zu können. Darüber hinaus hatte er wirklich interessante Geschichten zu erzählen, denn aufgrund seines Jobs hat er mehr oder weniger die ganze Welt bereist.

Die Promenade am Hafen von Lagos

Stadtzentrum von Lagos am Abend

In Lagos testeten wir dann erst einmal die Strände (wundervoll) und den Campingplatz (funktional bzw. schäbig, aber günstig). Lagos selbst ist auch eine schöne Stadt mit vielen arabischen Details – aber auch leider zu vielen Touristen.

Marktplatz in Albufeira

Die weiße Stadt Albufeira im Abendlicht

Am nächsten Tag brachte uns der Bus ins 30 Kilometer entfernte Albufeira, wo wir drei weitere Bulgaren trafen, mit denen wir am Strand ein Feuer machten und dort unter den Sternen übernachteten.

Die Bulgaren entzünden das Lagerfeuer

Lagerfeuer am Strand von Albufeira

Unglaublich genial. Morgens um 9 Uhr wurden wir natürlich absolut klischeehaft vom Strandreinigungswagen geweckt. Wir haben mit einem der Rettungsschwimmer geredet und ihm von unserer Übernachtung erzählt (dabei betont, dass wir das natürlich nieeeee wieder machen würden) und der meinte daraufhin mit portugiesischer Gelassenheit: „Bloß eine Nacht, das macht nichts. Aber das ist gefährlich, man sollte echt nicht am Strand übernachten!“ Wir beeilten uns, zustimmend zu sagen: „Ah ja, genau, wenn das Wasser plötzlich ansteigt oder so…“ Er daraufhin: „Nein! Wegen der verückten Menschen, die dort nachts vorbeikommen könnten!“ Ich frage mich wirklich, wer noch verrückter sein könnte als wir. Aber egal, wir sind ja unbehelligt davongekommen.

Eigentlich wollten wir den Abend bereits an einem Westküstenstrand im Alentejo zelten. Doch die Bulgaren brauchten lange zum Essen und noch länger zum endgültigen Aufstehen. Jedenfalls erreichten wir die Küste nicht bis zum Abend. Die anderen drei Bulgaren mussten sogar den Bus zurück nach Lissabon nehmen, weil sie überhaupt keine Mitfahrgelegenheit fanden. Wir dagegen wurden von drei ziemlich lustigen Typen, die nur Portugiesisch konnten, Richtung Norden gebracht.

Unsere Fahrer und wir im Alentejo

Sonnenuntergang über Ourique

Mit einem weiteren Fahrer landeten wir irgendwann in der Mitte von Nirgendwo; in der Nähe von Ourique. Die Läden und die Tankstelle hatten schon zu, weshalb wir gezwungen waren, auf einer Wiese zu schlafen – mit der Aussicht auf nichts als 5 Kilo frisch gepflückte Orangen zum Frühstück. Die hatten wir von unseren Fahrern geschenkt bekommen, die uns außerdem Weinbergschnecken „zu einem guten Preis“ angeboten haben.

Wir vor den Storchennestern im Alentejo bei Sonnenuntergang

Aber letzten Endes war das wahrscheinlich der beste Abend der ganzen Reise: Wir waren an einem so einsamen, authentischen Ort; haben zwischen unzähligen Storchennestern gezeltet und einen magischen Sonnenuntergang erlebt.

Am nächsten Tag ging es ausgehungert die meiste Zeit zu Fuß weiter, weil die Straße eher wenig befahren war. Die Sonne war wirklich gemein heiß und Wasser hatten wir irgendwann auch nicht mehr viel – aber dafür ja Orangen… Naja, zu guter Letzt erreichten wir ein stilles Dorf names Colos (irreleitend, der Name). Aber es gab ‚Tante Emma‘-Läden und sogar ein Café!!! Die Zeit schien hier stehen geblieben zu sein.

Wir gaben den Trampen-Plan erstmal auf und nahmen den Schulbus Richtung Odemira. Der Busfahrer konnte sehr gut Englisch war offenbar ziemlich froh, mal Fremde zu treffen, mit denen er es sprechen konnte. Die Schulkinder haben uns auch interessiert begutachtet und stellten auf Portugiesisch Vermutungen über unsere Herkunft an. Wir verstanden nicht alles, aber zuerst wurden wir für Franzosen gehalten, bis ein Kind altklug meinte: „Neeee, das sind eindeutig Zigeuner!“

Café in Colos im Alentejo

Straße im Dorf Colos

Wir in einem Bus im Alentejo

Eine weitere Nacht verbrachten wir noch am Strand, dieses Mal von Vila Nova de Milfontes. Die Pflanzen, die auf Dünen wachsen, sind übrigens ziemlich hinterhältig: Sie speichern tagsüber irgendwie Wasser, dass sie nachts abgeben – unser Zelt war einfach mal nass… Doch es war wirklich ein schöner Ort mit Siesta-Zeiten und der Atlantik ist dort wärmer als an der Algarve, zum Glück! Wenn ihr mal hinfahrt: Wir haben eine Portwein-Flaschenpost geschrieben.

Atlantik bei Vila Nova de Milfontes

Unsere Unterkunft am Strand von Vila Nova de Milfontes

Wir hinterlassen eine Flaschenpost am Strand von Vila Nova de Milfontes

Vila Nova war unser letzter Stopp. Danach ging es zurück nach Lissabon – wo es regnete. Und es fühlte sich komisch an, so plötzlich wieder zurück in der Zivilisation zu sein. Aber oh man, wie sehr hatte ich mich inzwischen nach einer Dusche und einem Bett gesehnt. Und ich hatte unterwegs tatsächlich Heimweh nach Lisboa.

Insgesamt habe ich in den fünf Tagen für Busfahren, Essen etc. übrigens knapp 60 Euro ausgegeben. Trampen ist aber mehr als eine günstige Art zu reisen: Es ist überhaupt DIE Art zu reisen. Du weißt, wie die bereisten Orte geographisch zusammenhängen, weil du ständig deine Karte checkst und viel zu Fuß gehen musst. Du lernst Einheimische kennen, die immer interessante, aber völlig unterschiedliche Personen sind, was dir irgendwie hilft, ein Gefühl für die Menschen und ihre Denkweise zu bekommen. Dann verbesserst du natürlich automatisch deine Sprachkenntnisse. Du musst dich überwinden und wildfremde Leute ziemlich aufdringlich anquatschen. Du erlebst mehr und die Erlebnisse werden mit höherer Wahrscheinlichkeit unvergesslich. Und nicht zuletzt merkst du, auf was du eigentlich alles verzichten kannst.

Beijinhos

Ich beim Trampen durch den Alentejo

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Welt-Erfahrungen