Sonnenuntergang über der Avenida Duque d'Ávila

A República 69

Oh man, ich habe wirklich seit über einem Monat nicht mehr geschrieben?? Naja, geschrieben habe ich, aber fast ausschließlich an meiner Bachelorarbeit. Und deswegen spielt sich mein Leben gerade eher nur so in der Bibliothek und meiner Wohnung ab. Aber hey, ich bin immer noch in Portugal und entsprechend ist sogar das irgendwie interessant, denn natürlich sind portugiesische Wohnungen etwas anders als deutsche…

Treppen

Ich sollte vielleicht dazusagen, dass ich Anfang August umgezogen bin. Zuvor habe ich im absoluten Luxusapartment gelebt; drei Bäder für fünf Leute, zwei Wohnzimmer, eine Terasse, auf der man Fußball spielen konnte.

Meine neue Unterkunft ist… anders. Viel typischer für Portugal, irgendwie. Das Haus hat so viele Eigenarten, dass ich gar nicht weiß, womit ich anfangen soll! Schon die Haustürschlüssel sind ein Highlight.

Ich wohne in einer República, das ist eine Art Studentenverbindung, die schon seit 1959 besteht. Es gibt sogar eine Internetseite: http://www.republica69.com/

Logo

Die 69 im Namen ergibt sich übrigens aus unserer Hausnummer. Ich glaube, eigentlich steht in den Regeln der Verbindung, dass República-Bewohner a) praktizierende Katholiken und b) männlich sein sollten… hm, ich denke, das wurde etwas gelockert. Dafür zahlen die jeweiligen Erasmusstudenten mit ihrer Miete von 200€ quasi die ganze Wohnung. Und haben das Glück, nur mit (ungefähr) zehn portugiesischen Muttersprachlern zusammenzuwohnen. Zurzeit sind die meisten allerdings wegen der Semesterferien leider nicht in Lisboa. Und das bei so einem Haus! Mein Zimmer ist übrigens das mit dem obersten runden Balkon.

A casa

Tja, aber was soll ich sagen, der herrschaftliche Schein trügt ein bisschen: Die WG liegt in einem ziemlich… runtergekommenen Haus, in dem beinahe alle Wohnungen frei sind. Nur die dritte Etage ist bewohnt, à esquerda (links) ist die Repúlica, rechts wohnt eine Familie. Im Erdgeschoss gibt es aus unerklärlichen Gründen ein Küchenstudio. In der rechten Dachbodenwohnung war ich auch mal, aber ich hatte Angst, dass vielleicht der Boden nicht trägt und ich mich bei unseren Nachbarn in der Wohnung wiederfinde, darum habe ich mich dann nicht sooo ausgiebig umgesehen…

Porta

Entgegen aller Vermutungen kann man trotz dieser uralten Briefkästen tatsächlich Post empfangen! Die blauen Fliesen dahinter sind übrigens sehr typisch; sie heißen azulejos. Originale, also alte oder solche, die zumindest so aussehen, werden auf Flohmärkten zu unglaublichen Preisen an Touristen verkauft. Vielleicht nehme ich eine aus dem Treppenhaus mit, wenn ich zurück nach Deutschland fahre… oder mache vorher ein bisschen Geld damit?

correios

Was unsere Wohnung selbst angeht: Ich liebe den endlos langen Flur, die antike Bosch-Waschmaschine, die ich nicht bedienen kann (mein Mitbewohner muss mir immer helfen), das „Sportzimmer“ der Jungs, in das es reinregnet und in dem ich rätselhafterweise besitzerlose Literaturnobelpreis-Bücher gefunden habe, unsere „bichos“ (Viecher bzw. Mäuse und Ratten), die an besonders heißen Tagen aus den stickigen, leeren Wohnungen zu uns fliehen, den viel zu edlen Flatscreen-Fernseher mit den ca. 200 (Sport-)Sendern – RTL gibt es auch, so seltsam – und dann die Toilettenampel: Rot für „Mädchen“, Grün für „Jungs“, kein Licht bedeutet „frei“.

Flur

o bem da República

Mädchen

Jungs

Aber ganz besonders liebe ich die Ausblicke von unseren kleinen Balkons (mein Zimmer hat auch einen, den größten und schönsten natürlich!)

Avenida Duque d'Ávila

a luna

Aber was wäre all das, wenn die Mitbewohner nicht stimmen würden! Okay, zurzeit sind die größtenteils abwesend, aber ich kannte sie alle schon, bevor ich hier eingezogen bin von einigen Abendessen und ich freue mich, dass sie im September endlich zurückkommen! Ansonsten ist Zito da, der kommt von den Kapverden, einer ehemaligen portugiesischen Kolonie und ist deswegen nicht nach Hause gefahren. Da sein Englisch eher unvorhanden ist, sprechen wir irgendwie Portugiesisch, was erstaunlich gut klappt. Und bereits nach knapp zwei Wochen merke ich, wie viel dieses tägliche Training bringt: Ich habe gestern beim Treffen mit meinem Bachelorarbeit-Betreuer komplett alles auf Portugiesisch besprechen können!

Und so schnell komme ich wieder auf die Bachelorarbeit zu sprechen, muss ein Zeichen sein, dass es hier erstmal reicht… até breve!

P.S.: Passt zum Haus, geht aber vor allem an meine Erasmusmädels! I miss our little talks… beijinhos

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